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„Das Album…“. Konstantin Gropper lässt sich die richtigen Worte zu AMEN, seinem sechsten Studioalbum als Get Well Soon, sorgsam durch den Kopf gehen. „Was soll ich groß drum herumreden: Es ist natürlich ein Pandemie-Album!“ Es ist nicht das erste und wird sicher auch nicht das letzte sein. Viele Künstler haben die Zeit genutzt, neue musikalische Ansätze gefunden oder sich intensiv mit sich selbst beschäftigt. Doch AMEN – geschrieben während des Lockdown Anfang 2021 – hauptsächlich in Groppers privatem Keller und einem einsamen Ferienhäuschen inmitten der Pfälzer Weinberge – nimmt seine Verantwortung ernst. Gropper führte das Nachdenken über das, was ist und werden könnte zu den großen sozialen Fragen: AMEN handelt vom Für und Wider des Individualismus, vom Guten und Schlechten, das uns vereint und gleichermaßen trennt, vom Streben nach Glück, der Bedeutung von Hoffnung und der tröstlichen Weisheit chinesischer Glückskekse. Am Ende steht die für Gropper selbst wohl am überraschendste Erkenntnis:  Er ist tatsächlich Optimist.

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Es ist dieses Eingeständnis, das dieses wunderbare Album prägt – natürlich in Groppers einzigartigem Stil. Während der einstündigen Laufzeit, spannt AMEN in bekannter Get Well Soon-Manier einen Bogen von Philosoph:innen zu Schriftsteller:innen zu Psycholog:innen und Zitaten aus Selbsthilfe-Büchern zu Abhandlungen über Tech-Milliardäre und Anspielungen auf einige der exzentrischeren Weltanschauungen, die momentan kursieren. Überwacht und begleitet wird all das von einer herrischen, anonymen KI-Assistentin – hier zeigt sich auch Groppers selbstironische Haltung zu dem Ganzen: „This is an Intervention!“, schickt er der großartigen Ouvertüre „A Song For Myself“ voraus, bevor er sich in Selbstmitleid und Melancholie suhlt, nur um dann im Refrain von einem Chor zurechtgewiesen, ja geohrfeigt, zu werden: „Stop your whining! You’re alright!“

Tatsächlich dürfte es Gropper vor eine etwas paradoxe Aufgabe gestellt haben, dieses Album zu beginnen. Immerhin hatte er mit „The Horror“ zuletzt ein Album über die Schrecken unserer Zeit veröffentlicht und das kurz bevor ein lebensgefährliches Virus die Welt in Schockstarre versetzte. „Ich hätte dieses Album ja eigentlich ‚Little did I know‘ (‚Wenn ich das geahnt hätte‘) nennen müssen. Aber tatsächlich ging mir mitten in dieser globalen Krise auf einmal alles Gejammer, allem voran mein eigenes, wahnsinnig auf die Nerven. Nach dem Horror-Album und dem nicht von der Hand zu weisenden Hang zur Melancholie in meinem bisherigen Schaffen, wollte ich diesem Album also eine Art ‚Einspruch‘ voranstellen.“ AMEN ist daher gewohnt humorvoll und belesen für all jene, die Groppers Werk genau aus diesem Grund schätzen, aber auch musikalisch exzentrisch und originell für alle, die etwas Neues im Get Well Soon-Kosmos erwarten. „Irgendwie ging es in meiner Musik ja schon immer um eine Form von Trost. Immerhin habe ich das Projekt ja ‚Get Well Soon‘ genannt. Es ist an der Zeit dem Namen gerecht zu werden – man darf den Service-Aspekt des Ganzen ja nicht vergessen“, schmunzelt Gropper.

Und AMEN steckt tatsächlich auch voller Überraschungen: In „This Is Your Life“ treffen Krautrock-Rhythmen auf geschmeidigen Synth-Pop, „My Home Is My Heart“ entwickelt sich zu einem Hi-NRG-Meisterstück, das „It’s A Sin“ von den Pet Shop Boys Konkurrenz machen könnte, „Mantra“ ufert in üppigen Dream-Pop aus; „I Love Humans“ ist ein fein orchestriertes Epos, „One For Your Workout“ bietet glitzernden Uptempo-Pop und einen Beat, der sich vor Pat Benatar’s „Love Is A Battlefield“ nicht verstecken muss; „Chant And Disenchant“ genauso wie „Golden Days“ zollen den großen Produzenten der 1960er und 70er Jahre, wie beispielsweise Serge Gainsbourg und David Axelrod liebevoll Tribut. Und über allem singt, schwebt, flüstert und berührt eine der großen Stimmen unserer Zeit, Groppers lässiges Crooning, mit trauergetränktem, bittersüßen Mitgefühl, das tatsächlich so tröstlich ist wie eine Umarmung. Nach den letzten Monaten könnte uns nichts willkommener sein.

Clemens Fantur / Virgin Music

„Wenn an dieser weltweiten Tragödie irgendetwas positiv ist,“ erzählt Gropper, „dann vielleicht, dass sie Wahrheiten ans Licht gebracht hat. Die meisten davon leider auf schmerzliche Weise, aber dennoch eben sehr lehrreich. In ihren wildesten Träumen hätten sich Soziolog:innen, Psycholog:innen und Philosoph:innen doch solche Beispiele nicht ausmalen können. Was für eine Versuchsanordnung für ihre Theorien! Sicher werden sie noch in vielen Jahren von diesen lehrbuchhaften Monaten zehren. Es sind also auf eine Art philosophische Zeiten. Fragen drängen sich auf, die zu stellen unter normalen Umständen viel zu pathetisch wären.“

 

Ob Popmusik nun das richtige Vehikel ist, solche Fragen zu erörtern, mag für einige fraglich sein. Nicht für Gropper. „Was sind denn Songwriter anderes als die Soziologen des kleinen Mannes?“, fragt er, wenn auch mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Gerade liegt einem als Künstler die Inspiration doch zu Füßen. Man muss nichts anderes tun, als sie aufheben.“

Was seine Songs so fesselnd macht, sind eben auch genau diese vielschichtigen Perspektiven. Sie erforschen das Mindset der und des Anderen genauso wie das eigene, hinterfragen auch in AMEN erneut Richtig und Falsch aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Besonders deutlich wird das in dem dramatischen „Us vs. Evil“, in dem Gropper sich mit Verschwörungstheorien auseinandersetzt. So ruft ein vielstimmiger Chor im Refrain: „I call BS / You call BS / You see things that I don’t see / I can’t agree to disagree“.

„Es ist doch das absolut Größte für die Menschen, mehr zu wissen als ‚die Anderen‘, ein ‚exklusives‘ Wissen zu horten, das nicht alle haben“, erklärt Gropper. „Auf diese Weise fühlt sich jede Seite überlegen – die mit dem ‚geheimen Wissen’ und die mit der ‚Mainstream-Wahrheit’ – und kann die jeweils andere für verrückt erklären. Es ist ein ständiges ‚Wir gegen die‘, ‚Wir gegen die Bösen‘. Ich stelle mir, um mich selbst zu testen, manchmal vor: Bill Gates sitze böse lachend, halb Echse geworden, vor ihm ein Becher Baby-Blut, in einem dunklen Schloss (oder wahlweise in einer Mars-Kolonie) und freut sich über seine Armee Mikrochip-implantierter Zombies. Könnte ja stimmen! Naja. Da ich das Ganze nur mit großer Überwindung zu Ende denken kann, laufe ich wohl vorerst nicht zur ‚anderen Seite‘ über“, lacht Gropper.

Ähnliche Themen geht er in „One For Your Workout“ an, das sich mit Konzepten zur Selbstoptimierung auseinandersetzt; in „Chant and Disenchant“ hinterfragt er den Nutzen von Achtsamkeit und in „My Home Is My Heart“ relativiert er die derzeit populären Ideen der Selbst-Priorisierung: „Just be yourself and love yourself“, rät Gropper, „That should do the trick / Unless when you’re a prick.“ Im schwermütigen „Richard, Jeff & Elon“, dessen sparsames Arrangement und bestürzend schöner Gesang an Damon Albarns große Momente erinnern, zeigt er für die titelgebenden, superreichen Mogule und ihre utopischen Träume genauso viel Einfühlungsvermögen wie in den vieldeutigen, letzten Zeilen dann auch Verachtung: „I swear by all shares I hold, every dime I earned, that we won’t return.“

AMEN ist jedoch alles andere als misanthropisch, wie „I Love Humans“ bestätigt: „Dieser Song ist eine Liebeserklärung an mein Lieblings- und eigentlich einziges Thema: den Menschen.“ Gropper lächelt. „Was macht die Menschen so faszinierend, so liebenswert? Sicher nicht ihr moralisches Handeln, das sie angeblich von den Tieren unterscheidet. Doch viel eher ihre Fehler, ihr Begehren, ihre Vorhersehbarkeit, ihr Stolz, ihre Unsicherheit, ihr Hass, ihre Falschheit. Das klingt jetzt ein bisschen nach Jesus, oder? Ist aber natürlich nicht so gemeint. Eher so: Uns verbinden weit mehr schlechte Eigenschaften als gute. Der Funke jeder guten Geschichte ist doch eine schlechte Eigenschaft. Ich glaube, ich habe ein ähnliches Verhältnis zu Menschen wie zu Tieren: Ich mag sie, so lange sie mir nicht zu nahe kommen. In den letzten anderthalb Jahren konnten wir gegenseitig unsere Unzulänglichkeiten jedenfalls bestens aus der Ferne studieren. Und je weniger ich die Menschen fassen kann, desto mehr faszinieren sie mich. I’m in love and more each day“, fasst er zusammen und zitiert aus dem Song.

 

Gropper hat in den letzten Jahren aber nicht nur Nabelschau bei sich und anderen betrieben. Er war höchst produktiv, komponierte und produzierte unter anderem für drei Staffeln der Netflix-Hit-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ den Soundtrack und arbeitet derzeit schon wieder an einer neuen Serie. Auch für die Musik in Detlef Bucks Kinofilm „Wir Können Nicht Anders“ zeichnet er sich verantwortlich und hat gleich zwei Alben für die Singer/Songwriterin Alex Mayr koproduziert. Vielleicht ist auch das der Grund, warum ihn das Ergebnis seines Nachdenkens am Ende selbst am meisten überrascht hat. „Ich war tatsächlich schockiert herauszufinden, dass ich Optimist bin!“, gibt er zu. „Nach all den Jahren, in denen ich die großen Schwarzmaler von Thomas Bernhard bis Kurt Cobain bewundert habe, musste ich feststellen, dass ich nicht anders kann, als an ein ‚Happy End‘ zu glauben. ‚In der Krise‘, hat bestimmt mal jemand kluges gesagt, ‚zeigt man sein wahres Gesicht.‘ Ein bisschen schäme ich mich auch, aber AMEN ist wohl die Verarbeitung dieser persönlichen ‚traumatischen‘ Erfahrung und damit dem wahrscheinlich uncoolsten Gefühl von allen gewidmet: der Hoffnung.“

Er bestätigt dies in seinem Song „Our Best Hope“, dessen triumphaler Refrain „Say Yes! / It’s hope, no less! / Breath, let’s play! / Today is your day!“ sich aus der dezenten Strophe zu atemberaubender Größe erhebt. „In gewisser Weise markiert AMEN einen Wendepunkt in meiner Arbeit. Auf ‚The Horror‘ explizit, wie auch in vielen älteren Songs, ging es um Angst. Jetzt also Hoffnung, die man durchaus, wie es auch Ernst Bloch in ‚Das Prinzip Hoffnung‘ tut, als das Gegenteil von Angst verstehen kann. Eine andere sehr schöne Hoffnungs-Definition von Bloch lautet: Hoffnung ist Handeln, das in das Gelingen verliebt ist. Das setzt also schon sehr niedrig an. Man könnte sagen: Kreatives Arbeiten ohne Hoffnung ist gar nicht denkbar.“

Auch wenn AMEN selten pessimistisch wirkt, ist es dennoch kein Album, das Optimismus predigt. „Ganz so weit bin ich noch nicht auf dem Weg zum Achtsamkeits-Coach! Ich stelle mir vielmehr die Frage, wie es überhaupt möglich ist, optimistisch zu sein und zu bleiben. Trotz allem, was dagegen spricht – und hier kann man eine endlose Liste von Argumenten einfügen. Ich weiß nicht, woher meine Hoffnung kommt. Ich glaube auch nicht, dass man Hoffnung erlernen kann. Vielleicht muss man sie finden oder sie findet einen. Vielleicht ist es nur etwas Chemisches. Den Optimismus zu verlieren, ist dagegen sehr viel leichter. Was ich aber zur Musik auf diesem Album sagen kann, ist, dass sie von meiner persönlichen ‚Happy Place Playlist‘ inspiriert ist. Ja, die gibt es! Denn Musik kann, wenn auch nur für eine kurze Zeit, glücklich machen. Mit viel Glück funktioniert das bei ‚den Anderen’ dann ähnlich gut wie bei mir.“

Und genauso positiv wie Gropper begonnen hat, endet er auf AMEN auch. „Accept Cookies“, den letzten Song des Albums, nennt er eine „Dusche der Hoffnung“,  in die er den ein oder anderen bekannten Aphorismus packt. „Manchmal ist es doch schön zu sehen, wie einfach man gestrickt ist“, meint er. „Manchmal reicht schon wenig aus für einen guten Moment. Aus diesem Grund habe ich – mit familiärer Unterstützung – ein paar Dutzend chinesische Glückskekse verspeist und ihre Botschaften zu diesem Song verarbeitet. Wie sich herausstellt, sind Glückskekse viel besser als ihr Ruf.“

Can we get an AMEN…?!

Get Well Soon – Mantra (Official Video)
Get Well Soon – One For Your Workout (Official Video)
Get Well Soon - One For Your Workout (Official Video)

 

Quelle: Virgin Music
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