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Da ist sie wieder, diese Stimme: „Nimm mich / Bis nichts mehr von mir übrig ist“ – so beginnt der Refrain von „Nimm mich“, der neuen Single von Eisblume. Seit dem 30. Oktober ist der Song erhältlich, und er markiert etwas, womit lange niemand mehr gerechnet hätte: die Rückkehr eines Namens, der für viele untrennbar mit den späten Nullerjahren verbunden ist. Es ist der erste neue Eisblume-Song seit über 15 Jahren.

Worum geht es? Um einen der widersprüchlichsten Zustände überhaupt: Du weißt genau, dass du gehen solltest, und bleibst trotzdem. Du ahnst, dass dir jemand nicht guttut, und willst ihn dennoch. Eben noch schützt du dich, im nächsten Moment gibst du dich vollkommen hin. „Nimm mich“ erzählt von emotionaler Abhängigkeit, von Sehnsucht und Kontrollverlust, von dem Augenblick, in dem der Kopf längst begriffen hat, was das Herz noch nicht akzeptieren will. Dazu gehört auch die Gefahr, sich selbst Stück für Stück in einem anderen Menschen zu verlieren.

Musikalisch landet der Song genau dort, wo Eisblume schon immer zu Hause war: bei großen Gefühlen, dunkler Atmosphäre und dem Wechselspiel aus Härte und Zerbrechlichkeit. Kraftvoller Rock trifft auf moderne Pop-Elemente, es entsteht ein düster glänzender Pop Rock mit Dark-Rock-Schatten. Die Produktion klingt nach heute, ohne die Handschrift von damals zu verwischen. Verantwortlich dafür ist Henning Verlage, der schon früher mit Eisblume gearbeitet hat. Geschrieben hat Sotiria den Song unter ihrem bürgerlichen Namen Sotiria Schenk mit, laut Credits ist auch Justin Balk an Komposition und Text beteiligt.

Ein Name, um den sie gekämpft hat

Um zu verstehen, warum diese Rückkehr so viel bedeutet, lohnt der Blick zurück. 2009 brach Eisblume mit „Eisblumen“ durch, einer Coverversion des Subway-to-Sally-Klassikers. Die Debütsingle erschien am 16. Januar 2009, kletterte bis auf Platz 3 der deutschen Charts und hielt sich 18 Wochen dort. Das Video kam als Animationsfilm daher, und wer damals Musikfernsehen schaute, kam an dieser Bildwelt kaum vorbei. Am 6. März 2009 folgte das Debütalbum „Unter dem Eis“, das Platz 12 erreichte. „Leben ist schön“ und „Louise“ schafften es ebenfalls in die Charts, und „Louise“ brachte der Band 2010 zwei weitere ECHO-Nominierungen ein, für das beste nationale Video und als bester nationaler Newcomer.

Mit dem zweiten Album „Ewig“, das am 3. Februar 2012 erschien und auf Platz 17 einstieg, zeigte die Berlinerin, dass hinter dem Hit eine Künstlerin mit eigener Handschrift steht. Die Vorabsingle „Für immer“ erreichte Platz 29. 2013 löste sich die Band auf. Ab 2016 arbeitete Sotiria mit Henning Verlage von Unheilig an einem Soloalbum, „Hallo Leben“ erschien im Herbst 2018, damals unter ihrem eigenen Namen.

Denn den Namen Eisblume durfte sie über Jahre nicht mehr tragen. Er blieb trotzdem ein Teil von ihr, und sie kämpfte dafür, dass sich das ändert. Nach vielen Jahren hat sie sich die Rechte zurückgeholt. Sinngemäß sagt sie selbst: Eisblume war immer in ihr, auch ohne offiziellen Namen, der Kampf hat Kraft gekostet, doch nun gehört er endlich ihr, und sie hat noch viel zu erzählen.

Genau darin liegt die Stärke dieses Comebacks. Sotiria will die Zeit nicht zurückdrehen und muss auch nicht wieder die Anfang-20-Jährige von damals sein. Auch visuell öffnet sich die Eisblume-Welt neu: Dunkle Romantik trifft auf eine moderne, surreale Bildsprache, Erinnerungen tauchen auf, werden gebrochen und neu zusammengesetzt. Die Vergangenheit darf sichtbar bleiben, bestimmt aber nicht, was als Nächstes kommt. Zwischen 2009 und heute liegt ein ganzes Leben, und das hört man.

Geblieben sind die großen Gefühle, die dunklen Zwischentöne und eine Stimme, die Geschichten erzählen kann, die wehtun dürfen. „Nimm mich“ ist der erste Schritt, die alte Geschichte nicht noch einmal zu erzählen, sondern endlich weiterzuerzählen.