Pippo Pollina ( 18. Mai 1963 in Palermo; eigentlich Giuseppe Pollina, ausgesprochen “Pòllina”, auf “o” betont) ist ein italienischer Liedermacher und Musiker. Er wurde 1996 mit dem Ravensburger Kupferle ausgezeichnet, erhielt 2012 den Schweizer KleinKunstPreis und im Jahr darauf den Preis “Freiburger Leiter Musik 2013” der 25. Internationalen Kulturbörse Freiburg.

Pippo Pollina wurde in Palermo als Sohn des Anwalts Enzo Pollina und Mutter Giuseppina geboren und lebte dort bis zu seinem 21. Lebensjahr. Mit sechs Jahren wurde Pollina beim Spielen von einem Auto angefahren. Dieser schwere Unfall, den der Junge nur um Haaresbreite überlebte, bescherte ihm eine starke Einschränkung des Sehvermögens und beeinflusste die Kindheit des Musikers nachhaltig. So entwickelte er schon früh Interesse an Musik, Politik und Archäologie – Themen, die sein Werk bis heute prägen.
Mit anderen Jungen gründete Pippo die Gruppe “Agricantus”, mit der er erste musikalische Erfahrungen auch im Ausland sammeln konnte, darunter bei einem Konzert in der ehemaligen DDR. Die Musik dieser Phase orientierte sich an der chilenischen und politisch stark engagierten Gruppe Inti-Illimani und verband diese Einflüsse mit Klängen der sizilianischen Volksmusik und dem sizilianischen Dialekt.
Schon früh nahm Pippo Pollina am Konservatorium „Amici della musica” zu Palermo das Studium der klassischen Gitarre und Musiktheorie auf.
Pollina begann an der Universität von Palermo Jura zu studieren – nicht, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, sondern um sich als politischer Journalist gegen die Mafia zu engagieren. In dieser Zeit, zu Beginn der 1980er Jahre, begann Pollinas Mitarbeit in der catanesischen Monatszeitschrift „I siciliani,” deren Chefredakteur Giuseppe Fava zu den Journalisten gehörte, die gegen die Mafia arbeiteten und insbesondere darum bemüht waren, die engen Verbindungen zwischen Politik und Mafia zu enthüllen. Die ausweglose politische Lage und wachsenden künstlerischen Spannungen mit „Agricantus” veranlassten Pollina, sein Studium zu unterbrechen und eine Aus- und Reflektionszeit außerhalb Süditaliens zu nehmen. So brach er 1985 als Straßenmusiker auf eine Reise durch ganz Europa auf, von der er letztlich nie mehr ganz nach Sizilien zurückkehrte. Dennoch blieb er seiner Heimat bis heute verbunden und engagiert sich aus der Ferne, vor allem musikalisch, gegen Machtmissbrauch und Korruption und für den Frieden.

Der Sprung, seine Musik von der Straße auf die Bühne und auf Tonträger zu bringen, wurde durch die Bekanntschaft mit dem Schweizer Liedermacher Linard Bardill initiiert, der Pollina ansprach, während er in Luzerns Fußgängerzone musizierte. Bardill lud den jungen Unbekannten ein, ihn sowohl auf seinem neuen Album I nu passaran als auch auf der dazugehörigen 60 Konzerte umfassenden Tour zu begleiten. Dies war der Auftakt der professionellen musikalischen Aktivität Pollinas und der Beginn einer bis heute bestehenden, musikalisch geprägten Freundschaft, aus der noch weitere gemeinsame Alben hervorgingen.
Entscheidend für den Bekanntheitsgrad Pollinas war auch die Bekanntschaft und Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker, der vom Talent des jungen Italieners so überzeugt war, dass er ihn einlud, gemeinsam Stücke zu schreiben. Frucht dieser Zusammenarbeit sind die zweisprachigen Lieder Questa nuova realtà und Terra, die beide Künstler auf Weckers „Uferlos”-Tour 1993 gemeinsam auf der Bühne zelebrierten. Pippo Pollina erhielt außerdem die Gelegenheit, auch sich selbst und seine eigene Musik zu präsentieren und erspielte sich einen großen Teil des Publikums, das ihm heute noch treu ist.

Inzwischen ist Pippo Pollina seit 20 Jahren in Deutschland, Italien, Österreich, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden unterwegs, und findet immer neue musikalische Ausdrucksmöglichkeiten mit verschiedenen Musikern und instrumentellen Besetzungen. Er lebt in Zürich, ist verheiratet und hat zwei Kinder, die ebenfalls musikalisch aktiv sind. Pollinas Tochter Madlaina ist Teil des akustischen Duos “Steiner und Madlaina”.

Pollinas Musik ist vor allem durch seinen kraftvollen, emotionalen Gesang und seine lyrischen Erzählungen geprägt. Er verfasst seine Texte in italienischer Sprache, in Einzelfällen auch im sizilianischen Dialekt. Pollina, der auch Deutsch-, Englisch-, Spanisch- und Fanzösischkenntnisse vorweisen kann, verwebt an inhaltlich passender Stelle auch immer wieder Zeilen anderer europäischer Sprachen in seinen Texten. Er selbst begleitet sich an der Gitarre, am Klavier oder mit dem Tamburin, einem Instrument, das traditionell in der sizilianischen Musik eingesetzt wird und das in so filigraner Weise nur noch von sehr wenigen Musikern beherrscht wird.
Charakteristisch ist Pollinas Offenheit für die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, die dazu geführt hat, dass er sich in seiner langen musikalischen Laufbahn stets weiter entwickelt hat und verschiedene stilistische Varianten ausformen konnte. Er arbeitete unter anderem mit Georges Moustaki, Inti-Illimani, Franco Battiato, Fidel Nada, Charlie Mariano, Konstantin Wecker, Linard Bardill, Patent Ochsner und Schmidbauer & Kälberer zusammen.
Eine besondere Arbeit Pollinas war die Komposition einer Liedermacheroper mit dem Titel Ultimo volo (Der letzte Flug). Das Werk ist der Tragödie von Ustica gewidmet, dem durch die Rakete eines Nato-Kampffliegers herbeigeführten Absturz eines Passagierflugzeuges vor der Insel Ustica am 27. Juni 1980. Die Oper wurde am 27. Juni 2007 in Bologna uraufgeführt und anschließend auch in die deutsche Sprache übersetzt und in Deutschland dargeboten.
Im Jahr 2009 veröffentlichte Pollina das Album Fra due Isole (Zwischen zwei Inseln) in Zusammenarbeit mit dem Jugendorchester des Konservatoriums von Zürich unter der Leitung von Massimiliano Matesic. Die Musiker unternahmen eine Tournee durch Italien und überwanden dabei das Meer zwischen den Inseln der klassischen, orchestralen Musik und der Musik des Liedermachers Pollina. Dieses interessante Unterfangen wurde auch filmisch dokumentiert und ist als DVD erhältlich.
Das jüngste Projekt Pollinas ist das Album Süden, das er mit dem bayrischen Duo Schmidbauer & Kälberer konzipierte und auf einer 99 Konzerte umfassenden Tournee in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz präsentierte. Diese erfolgreiche Kollaboration fand ihren Höhepunkt bei einem finalen 100. Konzert in der Arena von Verona im August 2013.

Pollina war neben seiner musikalischen Aktivität auch als männlicher Hauptdarsteller im Kinofilm Ricordare Anna (2005) des schweizer Regisseurs Walo Deuber zu sehen. Das Drama erzählt die wahre Geschichte eines sizilianischen Straßenmusikers, der an Aids stirbt und dem die ebenfalls infizierte Frau und deren zwei Kinder in den Tod folgen. Pollina wurde für die Rolle ausgewählt, weil er den Musiker zu Lebzeiten gekannt und geschätzt hatte.

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