Die Künstlerin ANOTHER NGUYEN, die sich als viet-deutsche Europäerin identifiziert und deren Eltern 1987 als Vertragsarbeiterinnen aus Vietnam in die ehemalige DDR kamen, wurde in Deutschland als Viet-Deutsche zweiter Generation geboren und wuchs als älteste von drei Schwestern in einer deutschen Kleinstadt auf. Ihr Weg schien schon vorgeplant – ein herausragender Abschluss, dann Karriere. Ihre Eltern legten großen Wert darauf, dass ihre Tochter in der Schule gute Noten vorwies, um später studieren zu können.
Den Eltern, durch ihren eigenen Lebensweg geprägt, war es wichtig, dass ihren Kindern ein sozialer Aufstieg möglich wird – damit die Mädchen nicht so wie sie so hart körperlich arbeiten müssen. Somit war ein Medizin-, Architektur- oder Ingenieurstudium das, was sich die Eltern für ihre Tochter wünschten. Verständlich: Weil das für sie Stabilität und wirtschaftlichen Erfolg darstellte. Und es waren vielleicht auch Studiengänge, die ihnen bekannt waren – Musik zu studieren war schlicht und einfach nichts, was in ihrer Realität stattfand.
ANOTHER NGUYEN aber fühlte schon von Kindheit an ein Sehen in sich, das nach etwas verlangt, was ihr noch gar nicht bewusst war – eine Erfüllung durch Kunst, Kreativität und Schaffen war die Art von Kraft, die sie anzog. Und eine Kraft, die ihr half, sich abzugrenzen: “Ich habe mich schon früh gegen die familiären Erwartungen gewehrt und bin meinen eigenen Weg gegangen”, erzählt die Sängerin und Keyboarderin.
Vom Glitzern der Popmusik und musikalischen oder künstlerischen Szenen war sie trotzdem noch fern genug – nur manchmal fiel ein Strahl einer geheimnisvollen Welt in ihr Leben. Als Grundschulkind verbrachte die Künstlerin mit ihren kleinen Schwestern sehr viel Zeit allein zu Hause, da die Eltern viel arbeiteten. ANOTHER NGUYEN entdeckte an langen Nachmittagen den Musiksender VIVA – und verliebte sich. Shows wie The Dome und Top Of The Tops zeigten ein märchenhaftes Universum, in das sie eintauchen konnte, fasziniert von all den Popstars. “Ich habe zu den englischen Songs in meinem Fantasie-Englisch mitgesungen und immer von dieser Welt geträumt – vielleicht auch, weil wir zu viert nur in einer kleinen 3-Zimmer-Wohnung in einem Neubaublock lebten und ich mich nach der Welt draußen sehnte.”
Neben den Songs, die aus dem Fernseher in ANOTHER NGUYENs Leben sprudelte, spürte sie auch immer die Magie der Musik, wenn ihr Vater Karaoke sang – was er im Übrigen immer noch mehr als gern tut und was auch manchmal für außergewöhnliche Situationen sorgte: “Einmal kam ich aus dem Hort nach Hause, damals hatte ich noch keinen eigenen Schlüssel. Mein Papa konnte die Klingel nicht hören, weil er so laut Karaoke gesungen hat und ich musste versuchen, ihm über den Balkon zuzurufen.”
Musik: Das war eine Kraft, die ANOTHER NGUYEN anzog. Wo immer sich die Musik ihr zeigte, dahin wollte die angehende Künstlerin ihr folgen: “Als ich 10 war, wurde uns im Musikunterricht das Keyboard als Instrument vorgestellt. Ich war total begeistert, dass es möglich war, ein Instrument zu lernen und war auch gleichzeitig überrascht, als ich erfuhr, dass manche Kinder schon mit 6 Klavierunterricht bekamen. Ich wusste nicht, dass so etwas existiert. Von da an begann ich mit dem Musikunterricht. Mit 13 folgte der Gesangsunterricht und mit 15 wollte ich lernen, richtig Klavier zu spielen. Seitdem habe ich versucht, alles Musikalische mitzunehmen, was in unserem Dorf und in der Kleinstadt, in der ich zur Schule ging, irgendwie als Angebot da war.”
Musik ist ein Ruf, dem sie folgt – und gleichzeitig ist Musik eine Verbündete, durch die sie sich Akzeptanz zu verschaffen versucht und mit der sie mehr Gemeinsamkeiten zwischen sich und “den anderen” schaffen will:
“In meiner weiteren Schulzeit habe ich leider immer wieder Rassismus-Erfahrungen gemacht. Die Musik wurde für mich dann zu einem Medium, um meine Existenz zu rechtfertigen: Mir wurden Schimpfworte zugerufen, Späße gemacht und ich wurde oft gefragt, wo ich denn herkomme – ich habe mich deswegen sehr anders und nicht zugehörig gefühlt. Meine Gedanken waren damals: Wenn die anderen hören können, dass ich gut singen kann und freundlich bin, dann akzeptieren sie mich eher und ich kann ihnen zeigen, dass ich auch ein ganz ‘normaler’ Mensch bin, auch wenn ich ‘Ausländerin’ bin. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, macht mich das sehr traurig. Musik hat mich jedoch stark gemacht und mir schon immer Halt gegeben.”
ANOTHER NGUYEN wollte lange Zeit nichts mit dem Vietnamesisch-Sein zu tun haben: “Ich wuchs in einem kleinen Dorf mit tausend Einwohnern auf und ging in einer Kleinstadt zur Schule. Auf dem Gymnasium war ich für lange Zeit die einzige Vietnamesin und allgemein nicht-weiße Person. Ich habe mich für das Anderssein geschämt und wollte nur so Deutsch sein wie möglich. Ich hatte zwar viele Freundinnen, trotzdem wurde ich auch immer wieder von anderen wegen meiner Herkunft gehänselt, ausgelacht oder befragt. Ich habe gehofft, dass sie es vielleicht ‘nicht merken’ würden, dass ich anders bin, wenn ich so angepasst wie möglich bin. Deswegen habe ich auch lange die vietnamesische Sprache abgelehnt und meinen Eltern nur auf Deutsch geantwortet, wenn sie mit mir Vietnamesisch sprachen. Mit 19, nach dem Abitur und einem abgebrochenen Studium, spürte ich eine Leere in mir und Sehnsucht danach, mich mit meinen Wurzeln zu befassen und unsere Familiengeschichte besser zu verstehen. Daraufhin ging ich im Rahmen eines Freiwilligendienstes für ein Jahr nach Vietnam. Seitdem hat sich mein Leben gefühlt um 180 Grad gewendet.”
Bevor sie sich aber ganz für die Musik entschließt, studiert ANOTHER NGUYEN soziale Arbeit. Hier lernt die Künstlerin viel über Menschen, Gesellschaft und soziale Ungleichheiten – und darüber, wie wichtig es ist, sein Team zu verstehen und motivieren zu können: “Ich merke, dass mein Werdegang mir dabei hilft, gut mit Menschen umzugehen. Bei der Zusammenarbeit mit meinen Musikproduzentinnen oder meiner Musikvideo-Crew geht es darum, meine Vision klar zu kommunizieren und auch die Ideen und Einflüsse der anderen einzuladen. Die kreative Arbeit ist sehr intensiv und es geht immer um Aushandlungsprozesse, damit sich die Musik oder das Video weiterentwickeln können. Ich denke, dass mein Wissen über Gruppenprozesse aus der sozialen Arbeit mir dabei sehr hilft.”
Die Erkenntnis, dass ANOTHER NGUYEN professionell Musik machen möchte, ereilt sie während ihres Auslandsstudiums in Los Angeles: “Ich machte ein Praktikum in einer etablierten Asian American non-profit organization und war eigentlich auf dem Höhepunkt der Karriere, die ich mir im Bildungs- und Empowerment-Bereich vorgestellt habe. Trotzdem war ich unglücklich und bekam Angst, dass ich mich womöglich niemals im Leben erfüllt fühlen werde und immer nach etwas Neuem suche.
Ich dachte darüber nach, ob es in meinem Leben bisher irgendeine Konstante gab und kam darauf, dass es die Musik war. Egal, in welche Stadt oder in welches Land ich zog, ich habe mich immer zur Musik hingezogen gefühlt.
Immer hatte ich das Gefühl, dass ich irgendwie erst alle Fragen zu meiner Identität und Herkunft verstehen musste – weswegen es mich nach Vietnam und nach Kalifornien zog. Und erst als ich einfach nur ICH sein konnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass meine ‘wahre Liebe’ schon immer die Musik war.
Diese Erkenntnis hat mir auch ein bisschen Angst gemacht, weil ich dachte, dass ich vielleicht schon zu alt wäre, um diesen Weg zu starten. Ich wusste nur, dass ich mich nach meiner Rückkehr aus den USA in ein mehr musikalisches Umfeld begeben und ein Popmusik-Studium wagen möchte. Ich war absolut unsicher, wollte mich aber trauen, es wenigstens versucht zu haben und zu schauen, ob es wirklich das ist, was ich immer wollte oder ich nur die Vorstellung davon mochte. Es war ein ganz langsamer, schrittweiser Prozess, der mit meinem Musikstudium 2017 offiziell begann, mit anfänglichen Zweifeln weiterlief, ich aber immer weiter wachsen konnte und nun auch künstlerisch zu mir gefunden habe.”
Ihre Eltern sind stolz auf sie – auch wenn sie nicht ganz verstehen, was der Weg in die Musik alles beinhaltet. “Sie freuen sich jedes Mal, wenn ein neuer Song herauskommt oder ich ihnen von meinen Konzerten berichte. Meine Eltern sind allerdings auch besorgt, dass ich mit Anfang 30 immer noch kein regelmäßiges Einkommen habe”, erzählt ANOTHER NGUYEN.
Für die Musikerin selbst ist ihr Weg der richtige – und sie weiß mittlerweile, was sie erreichen will: “Mir ist es wichtig, etwas zu erschaffen, auf das ich selbst auch noch in ein paar Jahren stolz bin. Ich möchte mich mit jedem Song weiterentwickeln, neue Sounds entdecken, die zu mir passen und mein Songwriting verfeinern. Ich versuche, dabei immer eine Balance zu finden zwischen traditionellem Songwriting, einem zeitlosen Sound, aber auch aktuelle Hörtrends mitzudenken.
Mir ist es auch wichtig, mich nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Es gab eine Zeit, in der ich sehr unsicher war und ständig an mir zweifelte, was mich künstlerisch paralysierte. Ich möchte die Musik langfristig verfolgen und achte nun darauf, dass ich mich beim Musikmachen gut fühle; auch wenn das Fertigstellen von Songs dann länger braucht.”
Die Künstlerin, die neben dem Songschreiben, Gesang, Keyboard-Spiel und Arrangement auch bei der Produktion mitarbeitet, ihre Videos konzeptioniert und sich ein gut funktionierendes Team geschaffen hat, weiß, was sie langfristig mit ihrer Musik bewirken möchte:
“Ich möchte mit meiner Musik Menschen erreichen, die auch nach Halt suchen. In meinen Musikvideos versuche ich, so gut es geht, eine Diversität von Menschen zu zeigen, wie ich sie im Mainstream, im TV und bei den Major Labels leider noch nicht vorfinde.
Ich selber habe lange Zeit immer nach Vorbildern gesucht. In der Musikbranche und im Allgemeinen kannte ich keine Personen, die so aussahen wie ich oder so aufwuchsen wie ich, an deren Lebensweg ich mich orientieren konnte. Deswegen ist Repräsentation für mich unglaublich wichtig. Ich möchte anderen zeigen, insbesondere FLINTA of Color, dass sie den Weg in die Musik oder die Kunst gehen können, auch wenn sie womöglich aus einem nicht-künstlerischen Umfeld kommen. Oder allgemein Menschen, die bisher einen anderen Weg eingeschlagen haben, sich der Kunst widmen möchten, aber vielleicht Angst davor haben, dass es schon ‘zu spät’ sein könnte.”
ANOTHER NGUYEN veröffentlichte 2018 ihre erste Single “Back To Me” und ließ im selben Jahr eine EP folgen. 2021 und 2022 folgten eine Serie an Singles und erste Erfolge stellten sich ein – sie baute sich eine schnell wachsende Fan-Community auf und arbeitete kontinuierlich im Studio, während um ihren Namen ein Buzz zu wachsen begann. Auf der Bühne bewegt sie sich sicher und voller Charisma und lässt keine Gelegenheit ungenutzt, um ihre Songs einem Publikum zu präsentieren. 2023 veröffentlicht sie eine neue EP und schickt als ersten Vorboten die Single “Irreplaceable” ins Rennen.
Musikalisch gereift und mit gewachsenem Interesse an elektronischen Spielarten schreibt ANOTHER NGUYEN Popsongs, die mit viel Energie und atmosphärischen Layern ihre Topics, die sich um – auch autobiografische – Erfahrungen aus den Bereichen Emotionen und Beziehungen drehen, ausleuchten. Die Musikerin nennt Musiker:innen wie Oh Wonder, Robyn, Dagny, Clara Mae, die britische Sängerin Anne-Marie oder die Songwriterin Julia Michaels als Einflüsse. Aber auch KUOKO, Björk, Madonna, Tove Styrke oder Everything But The Girl finden sich in die musikalische DNA eingewoben – alles, was sich ANOTHER NGUYENs Welt ergossen hat an Melodien und Sounds, hat sie informiert und gebildet und letztendlich bereit gemacht, ihren eigenen Sound zu finden.
ANOTHER NGUYEN tritt im Oktober 2023 mit ihrer neuen EP an, um die Welt wissen zu lassen, dass sie angekommen is – echt und authentisch, manchmal voller Zweifel, manchmal euphorisch, aber immer bereit, für die Musik aufzustehen und ihre Geschichte zu erzählen, in der Hoffnung, dass sie anderen Mut macht, das Gleiche zu tun.
Quelle & PR-Kontakt: NKPR Nina Kränsel l hello@ninakraensel.com

