Ein Bandname, keine Verheißung. Oder doch? Kommt darauf an, wie man’s mit der Freiheit hält. Auch der kreative HipHop-Youngster redet gerne von Freestyle, versteht darunter aber vielleicht klangästhetische Nostalgie. Möglicherweise tragen die vier Musiktreibenden des URBAN PROJECT auch hin und wieder Baseballkappen auf der Straße, um erkannt zu werden. Nur ist auf den Straßen, die sie frequentieren, eigentlich gar nicht so viel los. Die Sache mit dem Urbanen hat nämlich einen Haken. Die Band stammt aus Aachen und Karlsruhe. Da wo Spree und Themse nachgewiesenermaßen nicht fließen, wo der Hipster-Begriff „Kiez“ noch ruchbar klingt, und wo Größenwahn angesichts des gotischen Monumentalbaus Karls des Großen sinnlos erscheint, haben’s Ideenentwickler auf geistig-künstlerischem Gebiet leicht. Je enger die Grenzen des Machmachen erscheinen, desto größer ist das Bedürfnis, sie zu umgehen. Überschaubare Großstädte bieten Kreativen geradezu paradiesische Zustände. Bob Dylan könnte ein Lied davon singen, wenn er … pardon … singen könnte. Er hat den Literatur-Nobelpreis ja nicht von Ungefähr bekommen! Und da wir bereits inmitten des Erzählens von Heldengeschichten angelangt sind: Das URBAN PROJECT ist so Indie wie es die Alternativrocker immer gerne gewesen wären. Es ist selbstverständlich de facto so Progressive-Pop wie es das Radio sein möchte, aber sich nicht traut zu werden. Und … na ja… Rock ist es auch. Von den geborgten, hier und da sorgsam gestreuten Jazz-Akkorden, die sich an Punkrock-Riffs reiben, ganz zu schweigen. Brennt die Neugierde schon? Ja? Umso besser, der Spaß fängt nämlich jetzt erst richtig an. In Zeiten von Selbstoptimierten, Menschlichkeitstotalverweigerern und Lässigkeitsmüden verteilt das URBAN PROJECT schon mal belebend-tonale Spezialdragees.
Als ob der Begriff nicht bereits oft genug gefallen wäre, müssen wir nochmal über Freiheit reden. Nicht die Freiheit der Marktgesetze, von der nur wenige profitieren, die sich der Produktionsmittel ermächtigen können, für die andere bezahlen. Wie heißt es neuerdings allenthalben im Bildungsbürgertum: Wir sollten von Kindern lernen, unser Urvertrauen wiederzufinden. Wenn das so einfach wäre! Naivität und das freie Vertrauen auf die Intuition werden heute in teuer bezahlten Seminaren für revitalisierungshungrige, dauergestresste Erfolgreiche wie Waren, wie Pflästerchen für das gierige Burn-Out-Ego angeboten. Dabei reichte der Dialog mit einem Instrument, mit der Musik in formidabler Weise aus. Man kann die abertausende Seminargebühren-Euros aber auch anders sparen, sich selbst Gutes tun und zur ersten EP des URBAN PROJECT greifen, um festgefahrene Strukturen aufzubrechen und die eigene kognitive Freiheit wieder zu beleben. Didaktisch ist das URBAN PROJECT freilich nicht unterwegs. Eher nebensächlich, ganz nonchalant, zeigen die vier Zweibeiner – eine weibliche, drei männliche – auf, dass es an jeder Ecke, an jeder Straßenlaterne Interessantes zu erschnüffeln gilt, aus dem sich Eigens entwickeln lässt – immer dem Bauchgefühl entgegen. Die Musik des URBAN PROJECT ist ständiges Glück für Ohren und Seele. So schön songstrukturiert auf der einen Seite, so konstant unberechenbar auf der anderen Seite. Und schon ist sie wieder da, die Sache mit den Grenzen. Sind die erstmal überwunden, entstehen kleine und große Hymnen auf die viel zu kurzen Nächte, in denen der neugierige Geist nicht zur Ruhe kommen will. Es gibt ja so viel zu entdecken! Wie sagte Zappa, die philosophierende Leitfigur aller Individualisten, einst: Er glaube an die Macht des menschlichen Geistes. Ob er das auch in Zeiten von starren Playlists und Influencer-Karrieren gesagt hätte? What the Frank!
Als ob Originalität vollkommen normal sei, will das URBAN PROJECT unterhalten. Wer in der Musik der Viererbande einen Mehrwert suchen möchte, findet ihn mühelos in den harmonischen, metrischen und inhaltlichen Nebenschauplätzen, die den Songs des Quartetts mindestens so innewohnen wie konservierte Gefühle. Aus emotionalem Lockdown wird ja zumeist ein vorsichtiger Shutdown, bevor daraus wiederum eine Song-Kurzgeschichte entsteht. SHORT STORY heißt die neue EP der Band. Im zweiteiligen ONE SECOND steckt ein Hauch Prog-Rock-Ambition, der aber ganz bewusst nur ein Hauch bleibt. Es geht ja vor allem ums Storytelling, um den Trip zum Filmwerden des Stücks im Kopf. HIDDEN STRENGTH lässt die eigene Ungewissheit bis zur erhofften Katharsis mitsingen. Der Titelsong hält locker was er zu sein verspricht. Musikalische Skizzen verzahnen und verdichten sich zu einem Sound-Klau, wie ihn jede andere Band auch betreibt – aber in diesem Fall wird er beispiellos-unkonkret vollzogen. Mit Argwohn reagiert die Band vollkommen zurecht auf den durchgekauten Begriff „Experimentelle Musik“, den die Kritikerzunft gerne denkfaul zur Beschreibung ihrer Musik zweckentfremdet. Recht haben Namensgeber und Gitarrist Urban Elsässer, Sängerin und Texterin Yen Anetzberger, Bassist Markus Proske und Schlagzeuger Ben Overmann ja, stellt die Vokabel den Versuch doch vor die Formvollendung. Der ist die Band fraglos auf der Spur: widerhakig, anmutig, grobkörnig, feinsandig, muskulär, sensibel, ungezügelt, strukturiert. Liest sich widersprüchlich? Ist es auch. Kostbarerweise.
Quelle: promotion-werft.de

