cumgirl8 haben bereits einige EPs veröffentlicht und erste Shows in Europa gespielt. In den USA supporteten sie jüngst L7 und Bratmobile. Dass es bei der Band aus Manhattan am Merch-Stand auch mal Abtreibungspillen gibt und selbstkreierte Bühnenkostüme Teil der Performance sind, darf als Teil eines größeren Anliegens verstanden werden. Der Cyberfeminismus ist eines der zentralen Themen für Veronika Vilim, Chase Lombardo, Lida Fox und Avishag Rodrigues, die ihre Botschaften auf dem Debütalbum “the 8th cumming” in Postpunk, Synth-Wave und große Experimentierlust verpacken.
Wie eine spärlich bekleidete Kreatur aus der Black Lagoon haben cumgirl8 den Urzeitschlamm verlassen, um in voller Pracht zurück ans Licht der Welt zu steigen. Nach dem Erwachsenwerden mit ihrer selbstbetitelten EP von 2020, der Erfahrung des eigenen Endes mit der „RIPcumgirl8“- EP (2021) und schließlich der Vision eines Lebens nach dem Tod durch ihre erste EP bei 4AD („phantasea pharm“ von 2023), steht die Band aus Manhattan nun an der Schwelle zu ihrem „8th cumming“. Das ebenso betitelte Debütalbum erscheint am 04. Oktober.
Der Ruf von cumgirl8 zieht sich dabei durch die Zeiten, Genres und Dimensionen, welche Veronika Vilim (Gitarre), Chase Lombardo (Drums), Lida Fox (Bass) und Avishag Rodrigues (Gitarre) mit spitzer Zunge durchkreuzen, seit sie sich dereinst in einem Sexchat begegnet sind.
„the 8th cumming“ wurzelt in einer Philosophie, die für die Band von zentraler Bedeutung ist: Cyberfeminismus, der die Beziehung zwischen Mensch und Maschine, Natur und Technologie im Blick hat, wie sie etwa in Donna Haraways The Cyborg Manifesto und Laboria Cuboniks’ Xenofeminist Manifesto verhandelt wird. Vor diesem Hintergrund widmet sich die Platte aus einer apokalyptischen Perspektive der Betrachtung von physischer und Online-Welt. Das geht bis hin zum Artwork mit seiner schleimbedeckten Kleidung und kargen Umgebung, was als Kommentar zum allmächtig glitzernden Materialismus in zunehmend zerfallenden Ökosystemen verstanden werden darf.
Politisch ist die Band mit ihrem entschiedenen Aktivismus (man bedenke etwa ihre SXSW-Aktionen in diesem Jahr), ihren anspielungsreichen Texten, den Bühnenshows samt selbstkreierten Kostümen oder auch Abtreibungspillen am Merch-Stand von je her. Und auch auf ihrem bald erscheinenden Debütalbum geht es der Band darum, ihre Anliegen und Betrachtungen in freier Kreativität an die Hörerinnen und Hörer heranzutragen.
Die Entstehung von „the 8th cumming“ im Winter 23/24 spiegelt sich indirekt in „ny winter“ mit seinem Schneesturm aus Synths wider. In einer Tourpause verbrachte die Band bei eisiger Kälte 12-Stunden-Tage im Tonstudio in Manhattan, arbeitete ihr neues Material aus und brachte es schließlich live und analog (mit Ausnahme von „iBerry“ und „hysteria!“) mit Paul D. Millar auf Band.
Im Ergebnis steht eine Platte, die zwischen Dunkelheit und Licht oszilliert, zwischen verzerrten Industrial-Sounds und Carpenters Retro-Horror-Soundtracks und dabei auch Chris & Cosey, Suicide, Post-Punk und Synth-Wave-Romantik streift. Musikalische Referenzen, auf die sich die Band explizit beruft, sind etwa Miss Kittin, Delta 5, Lizzy Mercier Descloux, Throbbing Gristle, ESG, Desire, Ladytron, Deli Girls, Nine Inch Nails, Siouxsie and the Banshees, Peaches, Björk, LustSickPuppy, Nite Fleit, White Town oder Girl Pusher.
Im Einklang mit dieser vielfältig geprägten Musik bewegt sich “the 8th cumming” auch textlich zwischen hyperrealistisch und phantastisch, zwischen der bereits angesprochenen cyberfeministischen Gesellschaftskritik und den Lebenserfahrungen der vier. Letztlich überlässt die Band ihre Texte jedoch weitgehend der Interpretation. “To live in the future, gotta reckon with the past,” heißt es in der ersten Singe “Karma Police” (die kein Radiohead-Cover ist). Es ist die Nacherzählung einer chaotischen Nacht mit verpassten Flügen, Wohnungseinbrüchen und einer wilden Verfolgungsjagd. Der Track führt direkt in die 8-Bit-Spacedisco von “ahhhh!hhhhh! (i don’t wanna go),” die dem Wunsch Ausdruck verleiht, alles herunterzufahren und sich zurückzuziehen. “So many faces, but so alone / just wanna be on your own at home.”
Im Track “mercy” kreiert die Band ein Bild von Romantik in einer vom Web dominierten Welt, wo das Aufleuchten einer just empfangenen Textnachricht nichts weniger gilt als ein mit Wachs versiegelter Liebesbrief. “Sexting with no encounter is the definition of the 21st”, heißt es im Song. Mit “hysteria!”, einer extraterrestrischen, kribbeligen Hymne an unverbindliche Affären, geht es weiter.
“girls don’t try” ist geprägt von seiner Bassline und schrillen Keys und beschreibt die Sehnsucht danach, zu verstehen, ob die Absichten des Gegenüber ernsthaft sind oder nicht. Das wiederum passt zu den gothic-haft geisternden Drum-and-Bass-Klängen von „iBerry“, wo in morbider Weise Gefühle von Untergang und Paranoia illustriert werden: “Everything smells of lavender and rosemary / honeysuckle and blackberries / so why can’t I stop crying?”
Mit “uti” übersetzt die Band ein medizinisches Problem, über das oft nicht gesprochen wird, in einen digitalen Hardcore-Clubtrip à la Machine Girl. “We want to be sponsored by AZO,” lacht Lombardo und verweist auf cumgirl8s Absicht, nicht nur die Konversation über Sex an sich zu normalisieren, sondern auch damit einhergehende Fragen der Gesundheit. Die rückwärts abgespielte Nachricht zu Beginn (als kleine Verbeugung vor Styx oder Black Sabbath) wurde vom befreundeten Schauspieler Mark Indelicato beigesteuert.
Einer der vielleicht wichtigsten Songs ist “simulation”, ein sich langsam entfesselndes Shoegaze-Stück, das in musikalisch ansteckender Weise sein Statement verpackt: Wir sind die Pest dieses Planeten und müssen die Dinge inmitten der digitalen Apokalypse anders angehen, um die Zerstörung noch irgendwie zu begrenzen. Der Schlusssong “something new” ist der Seufzer, mit dem sich alles auflöst: ein nostalgischer und zarter Coming-of-age-Moment der Ruhe, der die Einsicht ausdrückt, dass es für unser Fortbestehen und unser Vorankommen als Individuen und als Menschen unerlässlich ist, neu anzufangen.
cumgirl8 bleiben so experimentierfreudig wie eh und je und dabei bereit, auch mal über sich selbst zu lachen. Während die Band für manche nicht mehr ist als eine Gruppe eindimensionaler Sex-Toys und Internet-Trolle, zeigt “the 8th cumming”, dass es um weit mehr geht: cumgirl8 sind ein knallhartes, vorwärtsgewandtes Kollektiv mit einer Vorliebe für gewagtes Storytelling und musikalischen Tumult. Zugleich existiert die Band in einer Gesellschaft, die unmittelbar Urteile über sexuell aufgeschlossene, politische Frauen wie sie selbst fällt, welche im Namen des gesellschaftlichen Fortschritts Veränderungen herbeiführen und gelegentlich auch Kontroversen entfachen wollen. Wenn cumgirl8s unverblümte Lyrics, die Bühnenkostüme und absurden Instagram-Memes im Gegenzug aber einen Zugang zu ihrer utopischen, zeitgenössischen und feministischen Welt ermöglichen, dann soll es so sein.
Tracklist
1. Karma Police
2. ahhhh!hhhh! (i don’t want to go)
3. mercy
4. hysteria
5. UTI
6. simulation
7. girls don’t try
8. iBerry
9. ny winter
10. something new
Live in Deutschland
18.11.24 Frankfurt – Zoom Bar
24.11.24 Berlin – Monarch
26.11.24 KÖLN – Helios37
Quelle: BEGGARS


